Bhagavan Ramana
by T. M. P. MAHADEVAN, M. A., Ph.D. Professor of Philosophy, University of Madras
Published by Sri Ramanasramam, India
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VORWORT

Die vorliegende Abhandlung wurde ursprünglich für ein Buch über The Saints (Die Heiligen) geschrieben und erschien als allgemeine Einleitung in einem Werk über Bhagavan mit dem Titel „Ramana Maharshi and his Philosophy of existence“. Weil dieses Essay wahrscheinlich für die allgemeine Leserschaft von Interesse ist, wurde es auch separat in Form eines kleinen Buches herausgegeben.

Möge Bhagavan diese Gabe annehmen!

Aradhana-Tag, T.M.P. Mahadevan, 5. Mai 1959.


GEBET

O Vinayaka, der du auf eine Rolle (die Abhänge des Berges Meru) die Worte des großen Weisen (Vyasa) schriebst, und der du auf dem siegreichen Arunachala wohnst - beseitige die Krankheit (maya), welche die Ursache unserer Wiedergeburten ist und beschütze gnädig den großen edlen Glauben (die Philosophie und Religion der Upanishaden), der voll des Honigs des Selbstes ist!

Das ist ein Gebet an Gott Ganesa, dem Beseitiger aller Hindernisse, welches von Bhagavan Sri Ramana verfaßt wurde. Es bezieht sich auf eine Geschichte aus den Puranas, nach der Ganesa Vyasa als Schreiber gedient und das Mahabharata niedergeschrieben hat. Hier wird seine Gnade zum Schutze der Vedanta-Philosophie angerufen. Der gedruckte Tamil-Vers ist eine Reproduktion von Bhagavans eigener Handschrift.


BHAGAVAN RAMANA

DIE Schriften sagen uns, daß es genau so schwer ist, den Weg eines Weisen nachzuvollziehen, wie den Flug eines Vogels in der Luft. Die meisten Menschen müssen sich mit einer langsamen und mühevollen Reise zum Ziel zufriedengeben. Aber einige wenige sind als Adepten geboren, die geradewegs auf das gemeinsame Zuhause aller Wesen - das höchste Selbst - zufliegen. Die Allgemeinheit der Menschheit faßt sich ein Herz, wenn ein solcher Weiser erscheint. Obwohl sie nicht imstande ist, mit ihm Schritt zu halten, fühlt sie sich in seiner Gegenwart erhoben und bekommt einen Vorgeschmack der Glückseligkeit, gegenüber der die Freuden der Welt zu nichts verblassen. Zahllose Menschen, die währen der Lebenszeit Sri Ramana Maharshis nach Tiruvannamalai kamen, hatten diese Erfahrung. Sie sahen in ihm einen Weisen ohne die geringste Spur von Weltlichkeit, einen Weisen von einzigartiger Reinheit, einen Zeugen der ewigen Wahrheit des Vedanta. Es kommt nicht oft vor, daß ein spiritueller Genius von der Größe Sri Ramanas die Erde besucht. Aber wenn es geschieht, bringt das der ganzen Menschheit Nutzen, und es öffnet sich vor ihr eine neue Zeit der Hoffnung.

Ungefähr dreißig Meilen südlich von Madurai gibt es ein Dorf namens Tirucculi mit einem alten Siva-Tempel, den zwei der großen Tamil-Heiligen, Sundaramurti und Manikkavacakar, besungen haben. In diesem heiligen Dorf lebten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein unbescheinigter Anwalt, Sundaram Aiyar mit seiner Frau Alagammal. Frömmigkeit, Hingabe und Güte charakterisierten dieses ideale Paar. Sundaram Aiyar war außerordentlich großzügig. Alagammal war eine ideale Hindufrau. Am 30. Dezember 1879 wurde ihnen Venkataraman - später bekannt als Ramana Maharshi - geboren. Es war ein verheißungsvoller Tag für die Hindus - der Ardra-darsanam-Tag. An diesem Tag wird jedes Jahr das Bild des tanzenden Sivas - Nataraja - in Prozessionen aus den Tempeln herausgetragen, um die göttliche Gnade des Herrn zu feiern, die ihn vor Heiligen wie Gautama, Patanjali, Vyaghrapada und Manikkavacaka erscheinen ließ. Am Ardra-Tag des Jahres 1879 wurde das Nataraja-Bild mit allen dazugehörigen Zeremonien aus dem Tempel in Tirucculi herausgeholt, und gerade als man es wieder hereinbrachte, wurde Venkataraman geboren. In Vekataramans frühen Jahren gab es keine auffallenden Besonderheiten. Er wuchs wie ein gewöhnlicher Durchschnittsjunge auf. Er wurde in eine Grundschule in Tirucculi geschickt und dann für eine einjährige Ausbildung in eine Schule in Dindigul. Als er zwölf war, starb sein Vater. Deshalb mußte er zusammen mit seiner Familie nach Madurai gehen und dort bei seinem väterlichen Onkel Subbaiyar wohnen. Dort wurde er zur „Scotts Middle School“ und dann zur „American Mission High School“ geschickt. Er war ein mittelmäßiger Schüler, der seine Studien nicht gerade ernst nahm. Aber er war ein gesunder und kräftiger Junge. Seine Schulkameraden und andere Gefährten hatten Angst vor seiner Stärke. Wenn manche von ihnen Streitigkeiten mit ihm hatten, trauten sie sich nur dann, ihm einen Streich zu spielen, wenn er schlief. Was das betraf, war er eher ungewöhnlich: Er wußte von nichts, was mit ihm während des Schlafes geschah. Man trug ihn fort oder schlug ihn sogar, ohne daß er dabei aufwachte.

Scheinbar durch Zufall hörte Venkataraman von Arunachala als er sechzehn Jahre alt war. Eines Tages besuchte ein älterer Verwandter die Familie in Madurai. Der Junge fragte ihn, wo er herkäme. Der Verwandte antwortete: „Vom Arunachala!“. Der Name „Arunachala“ wirkte wie ein Zauberspruch auf Venkataraman, und mit sichtbarer Aufregung stellte er dem älteren Herrn die nächste Frage: „Was, vom Arunachala? Wo ist das?“. Und er bekam die Antwort, daß Tiruvannamalai Arunachala ist.

Sich auf dieses Ereignis beziehend, sagt der Weise später in einer seiner Hymnen an Arunachala: „O großes Wunder! Er steht als ein lebloser Berg. Seine Funktion ist für jeden schwer zu verstehen. Seit meiner Kindheit erschien Arunachala meinem Verstand als etwas sehr großartiges. Aber sogar, als mir jemand sagte, daß er das gleiche wie Tiruvannamalai war, verstand ich seine Bedeutung nicht. Als er sich zu mich hinaufzog, meinen Geist beruhigte und ich nahe kam, stellte ich fest, daß er das Unbewegliche ist.“

Kurz nach jenem Zwischenfall, der Venkataramans Aufmerksamkeit auf Arunachala gelenkt hatte, folgte ein weiteres Ereignis, das auch dazu beitrug, das Interesse des Jungen auf tiefere spirituelle Werte zu richten. Zufällig fiel ihm ein Exemplar von Sekkilar’s Periyapuranam in die Hände, welches von den Leben der Saiva-Heiligen erzählt. Er las das Buch und war davon gefesselt. Das war das erste Stück religiöser Literatur, das er las. Das Beispiel der Heiligen faszinierte ihn, und in den inneren Tiefen seines Herzens fand er eine zustimmende Antwort. Ohne irgendeine sichtbare frühere Vorbereitung stieg in ihm ein Verlangen auf, den Geist der Entsagung und Hingabe, der das Wesen eines heiligen Lebens darstellte, nachzuahmen.

Die spirituelle Erfahrung, die sich Venkataraman nun sehnlichst wünschte, kam bald und ganz unerwartet. Es war Mitte des Jahres 1896, Venkataraman war damals sechzehn. Eines Tages saß er allein im ersten Stock im Haus seines Onkels. Er war gesund wie immer. Aber plötzlich ergriff ihn eine unverkennbare Todesangst. Er fühlte, daß er sterben wird. Warum er dieses Gefühl hatte, wußte er nicht. Trotzdem entmutigte ihn das Gefühl des bevorstehenden Todes nicht. Er dachte in Ruhe darüber nach, was er tun sollte. Er sagte zu sich selbst: „Nun, der Tod ist gekommen. Was bedeutet das? Was ist es, das stirbt? Dieser Körper stirbt.“ Unmittelbar danach legte er sich auf den Boden, streckte Arme und Beine aus und hielt sie steif, so, als wenn die Leichenstarre eingesetzt hätte. Er hielt seinen Atem an und seine Lippen fest geschlossen, so daß sein Körper vom äußeren Anschein her eine Leiche war. Nun, was würde geschehen? Er dachte folgendes: „Nun, dieser Körper ist tot. Er wird auf den Scheiterhaufen gelegt und zu Asche verbrannt. Aber bin ich mit dem Tod dieses Körper tot? Ist der Körper „Ich“? Dieser Körper ist stumm und leblos. Aber ich fühle die volle Kraft meiner Persönlichkeit und die Stimme des „Ich“ unabhängig vom Körper. Also bin ich der GEIST, der den Körper transzendiert. Der Körper stirbt, aber der GEIST, der ihn transzendiert, kann vom Tod nicht berührt werden. Das bedeutet, ich bin der unsterbliche GEIST.“ Als Bhagavan später diese Erfahrung seinen Devotees erzählte, sah es so aus, als ob das ein Vorgang des Denkens war. Aber er legte Wert darauf, zu erklären, daß das nicht so war. Die Verwirklichung durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er erkannte die Wahrheit direkt. „Ich“ war etwas sehr Wirkliches, das einzig Wirkliche. Die Todesangst war ein für allemal verschwunden. Von da an blieb das „Ich“ wie die Sruti-Note, die allen anderen zugrunde liegt. So fand sich der junge Venkataraman auf dem Höhepunkt der Spiritualität ohne irgendein mühsames oder langes Sadhana. Das Ego war in der Flut des Selbstgewahrseins verloren. Ganz plötzlich wurde der Junge, der Venkataraman genannt wurde, zu einem Weisen und Heiligen.

Man bemerkte einen völligen Wandel im Leben des jungen Weisen. Die Dinge, die er früher schätzte, verloren nun ihren Wert. Die spirituellen Werte, die er bis dahin ignoriert hatte, wurden die einzigen Objekte seiner Aufmerksamkeit. Schulstudien, Freunde, Verwandtschaft - nichts von dem hatte jetzt noch eine Bedeutung für ihn. Er wurde äußerst gleichgültig gegenüber seiner Umgebung. Demut, Sanftmut, Widerstandslosigkeit und andere Tugenden wurden zu seiner Zierde. Er mied Gesellschaft und zog es vor, allein dazusitzen - ganz versunken in Konzentration auf das Selbst. Jeden Tag ging er zum Minaksi-Tempel und erfuhr eine Begeisterung, wenn er vor den Bildern der Götter und Heiligen stand. Tränen flossen aus seinen Augen. Die neue Vision war ständig in ihm. Sein Leben war nun vollständig verwandelt.

Venkataramans älterer Bruder beobachtete den großen Wandel, der sich bei ihm vollzog. Er rügte ihn mehrmals für sein gleichgültiges und Yogi-artiges Verhalten. Ungefähr sechs Wochen nach dem großen Wandel kam die Wende. Es war am 29. August 1896. Venkataramans Englischlehrer hatte ihm aufgetragen, als Strafe für sein Desinteresse an seinen Studien eine Lektion aus Bain’s Grammatik dreimal abzuschreiben. Der Junge schrieb sie zweimal ab, aber hörte auf, als ihm die völlige Sinnlosigkeit dieser Aufgabe bewußt wurde. Er warf sein Buch und die Unterlagen weg, setzte sich hin, schloß seine Augen und wandte sich in Meditation nach innen. Der ältere Bruder, der Venkataramans Benehmen die ganze Zeit über beobachtet hatte, ging zu ihm und sagte: „Was hat das alles für einen Sinn für jemanden wie dich?“ Das war offensichtlich als ein Tadel für Venkataramans unweltliche Art und sein Vernachlässigen der Studien gemeint. Venkataraman gab keine Antwort. Er gestand sich selbst ein, daß es keinen Sinn hatte, so zu tun als ob er studierte und als ob er so wie vorher wäre. Er entschied sich, sein Zuhause zu verlassen und erinnerte sich daran, daß es einen Ort gab, wo er hingehen kann - nämlich Tiruvannamalai. Aber wenn er seine Absicht seiner Familie darlegen würde, würden sie ihn nicht gehen lassen. Also mußte er List anwenden. Er sagte seinem Bruder, daß er diesen Mittag in die Schule geht und eine besondere Klasse besucht. Daraufhin bat ihn sein Bruder, fünf Rupees unten aus der Büchse zu nehmen und seine Studiengebühr in dem College, wo er studierte, zu bezahlen. Venkataraman ging nach unten, seine Tante gab ihm eine Mahlzeit und die fünf Rupees. Er nahm einen Atlas, der im Haus war und stellte fest, daß der nächste Bahnhof bei Tiruvannamalai in Tindivanam war. Tatsächlich wurde aber eine Zweiglinie nach Tiruvannamalai selbst gelegt, aber da es ein alter Atlas war, war diese Strecke darin nicht verzeichnet. Er rechnete aus, daß drei Rupees für die Reise reichen würden. Also nahm er sich gerade so viel, und ließ den Rest zusammen mit einen Brief an einer Stelle im Haus, wo sein Bruder ihn leicht finden konnte, und machte sich auf den Weg nach Tiruvannamalai. In dem Brief schrieb er folgendes: „Ich bin aufgebrochen auf der Suche nach meinem Vater gemäß seinem Befehl. Dieser (sich selbst meinend) hat ein tugendhaftes Unternehmen begonnen. Deshalb sollte niemand hierüber betrübt sein. Und es braucht kein Geld ausgegeben zu werden, um diesen zu suchen. Eure Studiengebühr wurde nicht bezahlt. Anbei zwei Rupees.“

Es lag ein Fluch auf Venkataramans Familie - in Wahrheit war es ein Segen - daß einer aus jeder Generation ein Bettelmönch werden soll. Dieser Fluch wurde von einem Wanderasketen verhängt, der - so sagt man - im Hause von einem von Venkataramans Vorfahren um Almosen bat, und zurückgewiesen wurde. Ein väterlicher Onkel von Sundarama Aiyer wurde ein Sannyasin, genauso wie Sundarama Aiyer’s älterer Bruder. Nun war Venkataraman an der Reihe, obwohl niemand vorhersehen konnte, daß sich der Fluch auf diese Weise verwirklicht. Leidenschaftslosigkeit fand Platz in Venkataramans Herzen, und er wurde ein Parivrajaka.

Es war eine epische Reise, die Venkataraman von Madurai nach Tiruvannamalai machte. Ungefähr zur Mittagsstunde verließ er das Haus seines Onkels. Er ging zum Bahnhof, der etwa eine halbe Meile entfernt war. Zum Glück hatte der Zug an diesem Tag Verspätung, sonst hätte er ihn verpaßt. Er schaute auf den Fahrpreisplan und stellte fest, daß die Fahrt dritter Klasse nach Tindivanam zwei Rupees und dreizehn Annas kostete. Er kaufte sich eine Fahrkarte, und behielt die restlichen drei Annas. Hätte er gewußt, daß es eine Eisenbahnstrecke direkt bis nach Tiruvannamalai gab, und hätte er auf den Fahrpreisplan geschaut, dann hätte er festgestellt, daß die Fahrt genau drei Rupees gekostet hätte. Als der Zug ankam, stieg er ruhig ein und setzte sich hin. Ein Maulvi, der auch in dem Zug reiste, begann ein Gespräch mit Venkataraman. Von ihm erfuhr Venkataraman, daß es eine Zugverbindung nach Tiruvannamalai gab, und daß man nicht bis Tindivanam fahren mußte, sondern in Viluppuram umsteigen konnte. Das war eine nützliche Information. Als der Zug in Tiruccirappalli ankam, wurde es bereits dunkel. Venkataraman hatte Hunger. Er kaufte sich für ein halbes Anna zwei Wildbirnen, und seltsamerweise war sein Hunger mit dem ersten Biß gestillt. Etwa um drei Uhr morgens kam der Zug in Viluppuram an. Dort stieg Venkataraman aus dem Zug mit der Absicht aus, den Reist der Reise nach Tiruvannamalai zu Fuß zurückzulegen.

Bei Tagesanbruch ging er in die Stadt und suchte den Wegweiser nach Tiruvannamalai. Er sah eine Schildertafel, auf der „Mambalappattu“ stand, aber er wußte nicht, daß Mambalappattu auf dem Weg nach Tiruvannamalai lag. Bevor er sich weiter bemühte, herauszufinden, welchen Weg er nehmen mußte, wollte er sich stärken, weil er Hunger hatte und müde war. Er ging in ein Hotel und bat um Essen. Er mußte bis zum Mittag warten, bevor das Essen fertig war. Nachdem er seine Mahlzeit gegessen hatte, bot er zwei Annas als Bezahlung an. Der Hotelbesitzer fragte ihn, wieviel Geld er hatte. Als ihm Venkataraman sagte, daß er nur zweieinhalb Annas hatte, lehnte er ab, das Geld anzunehmen. Von ihm erfuhr Venkataraman auch, daß Mambalappattu ein Ort auf dem Weg nach Tiruvannamalai war. Venkataraman ging zurück zum Bahnhof von Viluppuram und kaufte eine Fahrkarte nach Mambalappattu, wofür sein Geld gerade reichte.

Irgendwann am Nachmittag kam Venkataraman in Mambalappattu mit dem Zug an. Von da aus machte er sich nach Tiruvannamalai zu Fuß auf den Weg. Er ging etwa zehn Meilen, und es war spät am Abend. In der Nähe war der Tempel von Arayaninallur, der auf einem großen Felsen gebaut ist. Dort ging er hin, wartete, bis die Türen geöffnet wurden, und setzte sich in die Säulenhalle. Dort hatte er eine Vision - eine Vision glänzenden Lichtes, das den ganzen Ort umgab. Es war kein gewöhnliches Licht körperlichen Ursprungs. Es leuchtete eine Weile und verschwand dann. Venkataraman blieb in einer Stimmung tiefer Meditation sitzen, bis er von den Tempelpriestern geweckt wurde, die die Türen abschließen und zu einem anderen Tempel eine dreiviertel Meile von Kilur entfernt zum Dienst gehen wollten. Venkataraman folgte ihnen, und als er im Tempel war, war er wieder in Samadhi verloren. Nachdem die Priester ihre Pflichten erfüllt hatten, weckten sie ihn auf, aber gaben ihm nichts zu essen. Der Tempeltrommler, der das unhöfliche Benehmen der Priester beobachtet hatte, flehte sie an, dem fremden Jungen seinen eigenen Anteil des Tempelessens zu geben. Als Venkataraman nach etwas Trinkwasser fragte, wurde er zum Haus eines Sastris geschickt, welches sich in einiger Entfernung befand. Als er in dem Haus war, wurde er ohnmächtig und fiel zu Boden. Nach ein paar Minuten kam er wieder zu sich und sah, wie ihn eine kleine Gruppe Menschen neugierig anschaute. Er trank das Wasser, aß etwas, legte sich hin und schlief.

Am nächsten Morgen wachte er auf. Es war der 31. August 1896, der Gokulastami-Tag, der Tag von Sri Krishnas Geburt. Venkataraman setzte seine Reise fort und ging ein Stück zu Fuß. Er war müde und hatte Hunger. Also wollte er zuerst etwas essen, und dann nach Tiruvannamalai gehen - wenn möglich mit dem Zug. Es kam ihm der Gedanke, daß er sich der beiden goldenen Ohrringe, die er trug, entledigen könnte, und so das notwendige Geld aufbringen könnte. Aber wie sollte er das machen? Er ging weiter und stand vor einem Haus, das einem gewissen Muthukrishna Bhagavatar gehörte. Er bat den Bhagavatar um Essen, und wurde zur Hausfrau geschickt. Die gute Frau freute sich, den jungen Sadhu zu empfangen, und gab ihm am Geburtstag Sri Krishnas zu Essen. Nach dem Essen ging Venkataraman noch einmal zum Bhagavatar und sagte ihm, daß er seine Ohrringe für vier Rupees verkaufen wollte, um seine Pilgerreise vollenden zu können. Die Ohrringe waren etwa zwanzig Rupees wert, aber soviel Geld brauchte er nicht. Der Bhagavatar untersuchte die Ohrringe, gab ihm das Geld, um das er gebeten hatte, notierte die Adresse des Jungen, schrieb seine eigene auf ein Stück Papier und sagte ihm, daß er die Ohrringe jederzeit zurückkaufen könnte. Venkataraman aß im Haus des Bhagavatars sein Mittagessen. Die fromme Dame gab ihm ein Päckchen Süßigkeiten, das sie zum Gokulastami-Tag vorbereitet hatte. Venkataraman verabschiedete sich, zerriß die Adresse, die ihm der Bhagavatar gegeben hatte, weil er nicht vorhatte, die Ohrringe zurückzukaufen, und ging zum Bahnhof. Da vor dem nächsten Morgen kein Zug mehr fuhr, verbrachte er die Nacht dort. Am Morgen des 1. Septembers 1896 stieg er in den Zug nach Tiruvannamalai ein. Die Reise dauerte nicht lange. Er stieg aus dem Zug aus und eilte zum großen Arunacalesvara-Tempel. Alle Tore standen offen - sogar die des inneren Heiligtums. Im Tempel waren keine Menschen - nicht einmal die Priester. Venkataraman betrat das Allerheiligste, und als er vor seinem Vater Arunacalesvara stand, erfuhr er tiefe Ekstase und unaussprechliche Freude. Die epische Reise war zu Ende. Das Schiff hatte den Hafen sicher erreicht.

Den Rest seines Lebens verbrachte Ramana - so werden wir ihn ab jetzt nennen - in Tiruvannamalai. Ramana wurde nicht formell in sannyasa eingeweiht. Als er aus dem Tempel herauskam und durch die Straßen der Stadt ging, rief jemand und fragte, ob er seinen Haarbüschel entfernt haben wollte. Er stimmte gleich zu, und wurde zum Ayyankulam-Wasserbecken gebracht, wo ihm ein Barbier den Kopf rasierte. Dann stand er auf den Stufen des Beckens und warf sein restliches Geld ins Wasser. Er entledigte sich auch des Päckchens mit Süßigkeiten, das ihm die Frau des Bhagavatars gegeben hatte. Das nächste, was gehen mußte, war die heilige Brahmanenschnur, die er trug. Als er zum Tempel zurückging, fragte er sich, ob er seinem Körper den Luxus eine Bades gewähren sollte - als ihn ein plötzlicher Regenguß durchnäßte.

Ramanas erster Aufenthaltsort in Tiruvannamalai war der große Tempel. Ein paar Wochen lang blieb er in der Halle der tausend Säulen. Aber er wurde von Jungen belästigt, die ihn, als er in Meditation saß, mit Steinen bewarfen. Er verzog sich in dunkle Ecken und sogar in ein unterirdisches Gewölbe, bekannt als Patala-lingam. Ungestört verbrachte er mehrere Tage in Meditation. Bewegungslos saß er in samadhi, und nahm nichteinmal die Bisse des Ungeziefers wahr. Aber die bösartigen Jungen entdeckten bald das Versteck und vertrieben sich die Zeit damit, den jungen Svami mit Scherben zu bewerfen. Zu dieser Zeit gab es in Tiruvannamalai einen älteren Svami mit Namen Seshadri. Die, die ihn nicht kannten, hielten ihn für einen Verrückten. Manchmal bewachte er den jungen Svami und verjagte die Bengel. Schließlich wurde er von Devotees aus diesem Keller herausgetragen, ohne daß er sich dessen bewußt war, und wurde in der Nähe eines Subrahmanya-Heiligtums untergebracht. Von da an gab es immer jemanden, der sich um Ramana kümmerte. Der Aufenthaltsort mußte oft gewechselt werden. Gärten, Wälder und Heiligtümer wurden ausgesucht, um den Svami zu beschützen. Der Svami selbst sprach nie. Nicht etwa, daß er ein Schweigegelübde abgelegt hätte - er hatte einfach kein Bedürfnis zu sprechen. Manchmal wurden ihm Texte wie Vasistham und Kaivalyanavanitam vorgelesen.

Etwas weniger als sechs Monate nach seiner Ankunft in Tiruvannamalai verlegte Ramana seinen Aufenthaltsort in ein Heiligtum Namens Gurumurtam auf die ernste Bitte seines Inhabers hin, eines Mannes Namens Tambiransvami. Als die Zeit verging und sich Ramanas Ruhm ausbreitete, kamen immer mehr Pilger und Touristen zu ihm. Nach einem etwa einjährigen Aufenthalt im Gurumurtham zog der Svami - in der Gegend bekannt als Brahmana-Svami - in einen nahegelegenen Mangogarten um. Hier machte ihn einer seiner Onkel - Nelliyappa Aiyar - ausfindig. Nelliyappa Aiyar war ein Anwalt zweiten Grades in Manamadurai. Da er von einem Freund gehört hatte, daß Venkataraman ein verehrter Sadhu in Tiruvannamalai war, ging er zu ihm, um ihn zu sehen. Er versuchte sein Bestes, Ramana nach Manamadurai mitzunehmen. Aber der junge Weise antwortete nicht. Er zeigte kein Zeichen von Interesse an dem Besucher. Also ging Nelliyappa Aiyar enttäuscht nach Manamadurai zurück. Trotzdem überbrachte er Alagammal - Ramanas Mutter - die Nachricht.

Die Mutter ging, begleitet von ihrem ältesten Sohn, nach Tiruvannamalai. Ramana lebte zu der Zeit in Pavalakkunru, einem der östlichen Ausläufer des Berges. Mit Tränen in den Augen flehte sie Ramana an, mit ihr zurückzukommen. Aber für den Weisen gab es kein Zurück. Nichts berührte ihn, nichteinmal das Klagen und Weinen seiner Mutter. Er schwieg und gab keine Antwort. Ein Devotee, der die Bemühungen der Mutter mehrere Tage mit angesehen hatte, bat Ramana, doch wenigstens aufzuschreiben, was er zu sagen hatte. Der Weise schrieb folgende unpersönlichen Worte auf ein Stück Papier: „Das Schicksal des einzelnen wird durch sein Prarabdha bestimmt. Was nicht geschehen soll, wird nicht geschehen, so sehr man sich auch bemüht. Und was geschehen soll, wird geschehen, was man auch tut, um es zu verhindern. Das ist gewiß. Das Beste ist deshalb, zu schweigen.“

Enttäuscht und mit schwerem Herzen ging die Mutter nach Manamadurai zurück. Irgendwann hiernach ging Ramana auf den Berg Arunachala und lebte in der Virupaksa-Höhle, die nach einem gleichnamigen Heiligen benannt wurde, der hier lebte und beerdigt ist. Die Menschen kamen auch hierhin, und unter ihnen befanden sich ein paar ernste Sucher. Jene letzteren stellten ihm Fragen über spirituelle Erfahrung oder brachten Bücher mit, um sich einige Punkte erklären zu lassen. Manchmal schrieb Ramana seine Antworten und Erklärungen auf. Eines der Bücher, das in dieser Zeit zu ihm mitgebracht wurde, war Shankaras Vivekacudamani, welches er später in Tamil-Prosa übersetzte. Es kamen auch einfache und ungebildete Leute zu ihm, die Trost und spirituelle Führung suchten. Eine von ihnen war Echammal. Sie hatte ihren Mann, ihren Sohn und ihre Tochter verloren und war untröstlich, bis sie das Schicksal zu Ramana brachte. Sie bestand darauf, den Swami jeden Tag zu besuchen, und nahm die Aufgabe auf sich, das Essen für ihn und für die, die mit ihm lebten, zu bringen.

Im Jahre 1903 kam ein großer Sanskritgelehrter und Savant nach Tiruvannamalai. Sein Name war Ganapati Sastri, auch bekannt als Ganapati Muni - wegen der Askese, der er sich unterzog. Er hatte den Titel Kavya-Kantha - (einer, der Poesie auf der Zunge hat), und seine Schüler redeten ihn mit Nayana (Vater) an. Er verehrte die göttliche Mutter. Er besuchte Ramana ein paar mal in der Virupaksa-Höhle. Irgendwann im Jahre 1907 befielen ihn Zweifel, die seine spirituellen Übungen betrafen. Er ging auf den Berg, sah Ramana allein in der Höhle sitzen und sagte zu ihm: „Alles, was man lesen muß, habe ich gelesen; sogar Vedanta Sastra habe ich vollständig verstanden; ich habe nach Herzenslust Japa geübt; und doch habe ich bis jetzt noch nicht verstanden, was Tapas ist. Deshalb habe ich bei euren Füßen Zuflucht gesucht. Bitte klärt mich über das Wesen von Tapas auf!“ Ramana antwortete - nun sprechend: „Wenn man beobachtet, von wo die Vorstellung ‘Ich’ aufsteigt, dann löst sich der Geist dort auf. Das ist Tapas. Wenn man ein Mantra wiederholt und beobachtet, von wo der Mantra-Klang aufsteigt, dann löst sich der Geist dort auf. Das ist Tapas.“ Für den Gelehrten kam das als eine Offenbarung; er fühlte, wie ihn die Gnade des Weisen einhüllte. Er war es, der erklärte, daß Ramana der Maharshi und Bhagavan ist. Er komponierte Sanskrithymnen, die den Weisen priesen, und schrieb auch die Ramana-Gita, die seine Lehren erklärt.

Ramanas Mutter, Alagammal, verlor nach ihrer Rückkehr nach Manamadurai ihren ältesten Sohn. Zwei Jahre später stattete ihr jüngster Sohn, Nagasundaram, Tiruvannamalai einen kurzen Besuch ab. Sie selbst ging einmal nach einer Pilgerreise nach Varanasi und noch einmal während eines Besuches in Tirupati dorthin. Dabei wurde sie krank und litt mehrere Wochen lang mit Typhussymptomen. Ramana zeigte sich sehr besorgt, sie zu Pflegen und wieder gesund zu machen. Er komponierte sogar eine Hymne, die Arunachala anfleht, sie von ihrer Krankheit zu heilen. Der erste Vers dieser Hymne geht folgendermaßen: „O Medizin in Gestalt eines Berges, der auftauchte, um die Krankheit aller Geburten zu heilen, die wie Wellen aufeinanderfolgen. O Herr! Es ist deine Pflicht, meine Mutter, die nur deine Füße als ihre Zuflucht hat, zu retten, indem du ihr Fieber heilst.“ Er betete auch, daß seiner Mutter die göttliche Vision gewährt werden solle und daß sie von Weltlichkeit befreit werde. Es ist unnötig zu sagen, daß beide Gebete beantwortet wurden. Alagammal erholte sich wieder und ging zurück nach Manamadurai. Aber nicht lange nachdem sie nach Tiruvannamalai zurückkehrte, folgte wenig später ihr jüngster Sohn, Nagasundaram, der in der Zwischenzeit seine Frau verloren hatte, die ihm einen Sohn hinterließ. Es war Anfang des Jahres 1916, als Alagammal kam und sich entschloß, den Rest ihres Lebens mit Ramana zu verbringen. Kurz nach der Ankunft seiner Mutter zog Ramana von der Virupaksa-Höhle in den Skandasramam um, der etwas höher auf dem Berg liegt. Die Mutter erhielt Ausbildung in intensivem spirituellem Leben. Sie zog das ockerfarbene Gewand an und übernahm die Ashramküche. Nagasundaram wurde auch ein sannyasin und nahm den Namen Niranjanananda an. Unter Ramanas Devotees wurde er allgemein als Chinnaswami (der jüngere Swami) bekannt. Im Jahre 1920 ließ die Gesundheit der Mutter nach und sie bekam Altersleiden. Ramana pflegte sie mit Sorge und Zuneigung und verbrachte sogar schlaflose Nächte, in denen er bei ihr wachte. Das Ende kam am 19. Mai 1922, am Bahulanavami-Tag im Monat Vaisakha. Ihr Körper wurde den Berg heruntergebracht, um beerdigt zu werden. Die ausgewählte Stelle war der südlichste Punkt zwischen dem Palitirtham-Wasserbecken und dem Daksinamurti-Mantapam. Während die Zeremonien durchgeführt wurden, stand Ramana selbst dabei und schaute schweigend zu. Niranjanananda Swami nahm seinen Wohnsitz in der Nähe des Grabes auf. Ramana, der weiter im Skandasramam lebte, besuchte das Grab jeden Tag. Nach etwa sechs Monaten blieb auch er hier - wie er später sagte, nicht aus eigenem Entschluß, sondern in Gehorsam auf den göttlichen Willen. So wurde der Ramanasramam gegründet. Über dem Grab wurde ein Tempel errichtet und im Jahre 1949 geweiht. Im Laufe der Jahre wuchs der Ashram ständig, und Menschen nicht nur aus Indien, sondern von allen Kontinenten der Welt kamen, um den Weisen zu sehen und von ihm Hilfe in spirituellen Dingen zu bekommen.

Ramanas erster westlicher Devotee war F. H. Humphrys. Er kam 1911 nach Indien, um einen Posten im Polizeidienst von Vellore aufzunehmen. Da er zum Okkultismus geneigt war, suchte er einen Mahatma. Von seinem Privatlehrer wurde er Ganapati Sastri vorgestellt, und der Sastri brachte ihn zu Ramana. Der Engländer war tief beeindruckt. In einem Artikel in der Zeitung International Psychic Gazette schrieb er: „Nachdem wir die Höhle erreicht hatten, saßen wir vor ihm, zu seinen Füßen, und sagten nichts. Wir saßen so eine lange Zeit, und ich fühlte mich aus meinem Körper herausgehoben. Eine halbe Stunde lang sah ich in die Augen des Maharshis, welche nie ihren Ausdruck von tiefer Kontemplation veränderten.... Der Maharshi ist ein Mensch jenseits von Beschreibung in seinem Ausdruck von Würde, Güte, Selbstkontrolle und ruhiger Überzeugungsstärke.“ Humphry’s Vorstellungen von Spiritualität veränderten sich zum Besseren als Folge des Kontaktes mit Ramana. Er wiederholte seine Besuche bei dem Weisen. Er zeichnete seine Eindrücke in seinen Briefen an einen Freund in England auf, die in der oben erwähnten Zeitung veröffentlicht wurden. In einem von ihnen schrieb er: „Du kannst dir nichts Schöneres vorstellen als sein Lächeln.“ Und wieder: „Es ist seltsam, was es für eine Veränderung in einem bewirkt, wenn man in seiner Gegenwart war!“

Es waren nicht nur gute Menschen, die zum Ashram kamen. Manchmal tauchten auch schlechte auf - sogar schlechte Sadhus. Im Jahre 1924 brachen Diebe zwei mal auf der Suche nach Beute ein. Beim zweiten Mal schlugen sie den Maharshi sogar, als sie feststellten, daß sie nicht viel mitnehmen konnten. Als einer der Devotees den Weisen um Erlaubnis fragte, die Diebe zu bestrafen, verbot er es ihm und sagte: „Sie haben ihr Dharma, wir haben unseres. Wir müssen ertragen und Geduld haben. Wir wollen uns nicht einmischen.“ Als einer der Diebe ihm einen Schlag auf den linken Oberschenkel gab, sagte er zu ihm: „Wenn du noch nicht zufrieden bist, kannst du das andere Bein auch noch schlagen.“ Nachdem die Diebe wieder fort waren, erkundigte sich einer der Devotees nach dem Schlag. Der Weise sagte: „Ich habe auch etwas Puja bekommen“ wobei er mit dem Wort „Puja“ spielte, welches „Gottesdienst“ bedeutet, aber auch „Schläge“ heißen kann.

Der Geist der Harmlosigkeit, der den Weisen und seine Umgebung durchdrang, ließ sogar Vögel und Tiere mit ihm Freundschaft schließen. Er erwies ihnen die gleiche Rücksicht wie den Menschen, die zu ihm kamen. Wenn er über sie sprach, benutzte er die Wörter „er“ oder „sie“ und nicht „es“. Vögel und Eichhörnchen bauten ihre Nester in seiner Nähe. Kühe, Hunde und Affen fanden Asyl im Ashram. Alle von ihnen verhielten sich intelligent - besonders die Kuh Laksmi. Er kannte sie alle ganz genau. Er achtete darauf, daß sie richtig und gut gefüttert wurden. Und wenn ein Tier starb, wurde sein Körper mit angemessener Zeremonie beerdigt. Das Leben im Ashram ging ruhig dahin. Mit der Zeit kamen immer mehr Besucher - einige von ihnen nur für einen kurzen Aufenthalt, andere blieben länger. Die Ausmaße des Ashrams nahmen zu, ein paar Dinge und Abteilungen kamen dazu - ein Kuhstall, eine Schule für das Studium der Vedas, eine Abteilung für Veröffentlichungen und der Tempel der Mutter mit regelmäßigem Gottesdienst u.s.w. Ramana saß die meiste Zeit in der Halle, die für diesen Zweck gebaut wurde, als Zeuge dessen, was um ihn herum geschah. Das heiß nicht, daß er nicht aktiv war. Er heftete Blatteller zusammen, bereitete Gemüse zu, machte Vorschläge für Antworten auf Briefe u.s.w., und doch war sah man, daß er von allem fern war. Es gab zahlreiche Einladungen für ihn, Reisen zu unternehmen. Aber er ging nie von Tiruvannamalai weg, und in den späteren Jahren nichteinmal aus dem Ashram. Die meiste Zeit, jeden Tag, saßen Menschen vor ihm. Sie saßen meistens in Schweigen. Manchmal stellte einer von ihnen Fragen, und manchmal antwortete er ihnen. Es war eine großartige Erfahrung, vor ihm zu sitzen und in seine strahlenden Augen zu schauen. Viele spürten, wie die Zeit zum Stillstand kam und erfuhren eine Stille und einen Frieden jenseits jeder Beschreibung.

Das goldene Jubiläum von Ramanas Ankunft in Tiruvannamalai wurde 1946 gefeiert. Im Jahre 1947 begann seine Gesundheit nachzulassen. Er war noch keine siebzig, doch er sah viel älter aus. Gegen Ende des Jahres 1948 zeigte sich ein kleiner Knoten unter dem Ellenbogen seines linken Armes. Als er wuchs, schnitt ihn der Arzt, der für die Ashramapotheke zuständig war, heraus. Aber innerhalb eines Monats kehrte der Knoten zurück. Es wurden Chirurgen aus Madras geholt, und sie operierten. Die Wunde heilte nicht, und der Tumor kam wieder. Bei weiteren Untersuchungen wurde diagnostiziert, daß es sich um ein Sarkom handelte. Die Ärzte empfahlen, den Arm über dem betroffenen Teil zu amputieren. Ramana erwiderte mit einem Lächeln: „Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Der Körper selbst ist eine Krankheit. Soll er sein natürliches Ende haben. Warum ihn verstümmeln? Einfaches Verbinden der betroffenen Stelle reicht aus.“ Zwei weitere Operationen mußten durchgeführt werden, aber der Tumor kehrte zurück. Man versuchte es mit einheimischen Medizinsystemen und auch mit Homöopathie. Die Krankheit fügte sich nicht der Behandlung. Der Weise war ganz uninteressiert, und völlig gleichgültig gegenüber dem Leiden. Er war wie ein Zuschauer, der beobachtet, wie die Krankheit den Körper verzehrt. Aber seine Augen leuchteten so hell wie immer, und seine Gnade floß allen Wesen zu. Die Menschen kamen in großer Anzahl. Ramana bestand darauf, daß ihnen erlaubt wird, seinen Darsana zu haben. Devotees wünschten sich von ganzem Herzen, daß er seinen Körper durch Anwendung von übernatürlichen Kräften heilen würde. Einige von ihnen dachten, daß sie selbst den Nutzen aus diesen Kräfte hatten, welche sie Ramana zuschrieben. Ramana hatte Mitleid mit denen, die über sein Leiden trauerten, und er versuchte sie zu trösten, indem er sie an die Wahrheit erinnerte, daß Bhagavan nicht der Körper ist: „Sie halten diesen Körper für Bhagavan und schreiben ihm Leiden zu. Wie schade! Sie sind verzweifelt weil sie glauben, daß Bhagavan sie verläßt und fortgeht - aber wohin kann er gehen, und wie?

Das Ende kam am 14. April 1950. An diesem Abend gab der Weise den Devotees, die kamen, Darsana. Alle, die im Ashram waren, wußten, daß das Ende nahte. Sie saßen und sangen Ramanas Hymne an Arunachala mit dem Refrain Arunachala-Siva. Der Weise bat seine Betreuer, ihn hinzusetzen. Er öffnete seine leuchtenden und gnädigen Augen für einen kurzen Moment, ein Lächeln, eine Träne der Seligkeit tropfte aus seinen äußeren Augenwinkeln, und um 8.47 Uhr hörte er auf zu atmen. Es gab keinen Kampf, keinen Anfall, keines der Todeszeichen. Genau in diesem Augenblick zog ein Komet langsam über den Himmel, erreichte den Gipfel des heiligen Berges Arunachala und verschwand dahinter.

Ramana Maharshi schrieb selten, und die wenigen Schriften, die er in Prosa oder Versform verfaßt hat, wurden geschrieben, um den speziellen Bedürfnissen seiner Devotees gerecht zu werden. Er selbst sagte einmal: „Irgendwie fällt es mir nie ein, ein Buch zu schreiben oder Gedichte zu verfassen. Alle Gedichte, die ich geschrieben habe, waren auf jemandens Bitte hin oder in Verbindung mit einem bestimmten Ereignis.“ Das wichtigste dieser Werke sind die Vierzig Verse (The Forty Verses on Existence). Im Upadesa Saram, welches auch ein Gedicht ist, wird die Quintessenz des Vedanta dargelegt. Der Weise komponierte fünf Hymnen an Arunachala. Einige von Shankaras Werken wie Vivekacudamani und Atma-bodha wurden von ihm in Tamil übersetzt. Das meiste von dem, was er schrieb, ist in Tamil. Aber er schrieb auch in Sanskrit, Telugu und Malayam.

Die Philosophie von Sri Ramana - welche die gleiche ist wie die von Advaita-Vedanta - hat die Selbstverwirklichung zum Ziel. Der zentrale Weg, der in dieser Philosophie gelehrt wird, ist die Ergründung der Natur des Selbst, des Inhaltes des Gedankens „Ich“. Gewöhnlich verändert sich der Bereich des „Ich“ und bedeckt eine Vielzahl von Faktoren. Aber diese Faktoren sind nicht in Wirklichkeit das „Ich“. Zum Beispiel sprechen wir vom Körper als „Ich“ - wir sagen „Ich bin dick“, „Ich bin schlank“ u.s.w. Man braucht nicht lange, um zu entdecken, daß das eine falsche Gewohnheit ist. Der Körper selbst kann nicht „Ich“ sagen, weil er selbst leblos ist. Sogar der unwissendste Mensch versteht, was der Ausdruck „mein Körper“ beinhaltet. Trotzdem ist es nicht einfach, die falsche Identität des „Ich“ mit dem Ego (Ahankara) aufzulösen. Das liegt daran, weil der ergründende Geist das Ego ist, und um die falsche Identifikation zu beseitigen, er sich sozusagen selbst sein Todesurteil verhängen muß. Das ist keineswegs eine einfache Angelegenheit. Die Opferung des Egos im Feuer der Weisheit ist die höchste Form des Opfers.

Die Unterscheidung des Selbst vom Ego ist wie gesagt nicht einfach. Aber es ist nicht unmöglich. Alle von uns können diese Unterscheidung haben, wenn wir über den Zustand des Tiefschlafs nachdenken. Im Schlaf „sind wir“, obwohl das Ego nicht da ist. Im Schlaf funktioniert das Ego nicht. Und doch gibt es das „Ich“, welches Zeuge der Abwesenheit des Egos sowie der Objekte ist. Wenn es das „Ich“ nicht geben würde, könnte man sich beim Aufwachen nicht an seine Schlaferfahrung erinnern und sagen „Ich habe gut geschlafen. Ich wußte nichts“. Also haben wir zwei „Ichs“ - das pseudo- „Ich“, welches das Ego ist, und das wahre „Ich“, das Selbst. Die Identifikation des „Ich“ mit dem Ego ist so stark, daß wir das Ego selten ohne seine Maske sehen. Weiterhin dreht sich unsere gesamte relative Erfahrung um das Ego. Mit dem Aufsteigen des Ego beim Erwachen vom Schlaf erhebt sich gleichzeitig die gesamte Welt. Deshalb sieht das Ego so wichtig und unangreifbar aus.

Aber das ist in Wirklichkeit nur eine Festung aus Karten. Wenn einmal der Prozeß der Ergründung begonnen hat, wird man feststellen, daß es zerbröckelt und sich auflöst. Um diese Ergründung durchführen zu können, muß man einen scharfen Verstand besitzen - viel schärfer, als er zur Enträtselung der Geheimnisse der Materie sein muß. Mit dem gesammelten Intellekt kann man die Wahrheit sehen (drsyate tu agraya buddhya). Es stimmt, daß sich sogar der Intellekt auflösen muß, bevor die letze Weisheit aufdämmert. Aber bis zu diesem Punkt muß man ergründen - unbarmherzig ergründen. Die Weisheit ist mit Sicherheit nicht für die Faulen.

Die Ergründung „Wer bin Ich?“ darf nicht als eine geistige Bemühung angesehen werden, die dazu dient, die Natur des Geistes zu verstehen. Ihr Hauptzweck liegt darin, „den gesamten Geist an seinem Ursprung zu sammeln“. Der Ursprung des „Pseudo-Ich“ ist das Selbst. Was man bei der Selbstergründung tut, ist, sich gegen die geistige Strömung zu bewegen anstatt mit ihr, und schließlich das Gebiet der mentalen Veränderungen zu transzendieren. Wenn man dem „Pseudo-Ich“ bis zu seinem Ursprung nachspürt, verschwindet es. Dann erstrahlt das Selbst in all seiner Herrlichkeit - und das wird Verwirklichung oder Befreiung genannt.

Das Bestehen oder Nicht-Bestehen des Körpers hat nichts mit der Befreiung zu tun. Der Körper mag weiterhin existieren und die Welt weiterhin erscheinen, wie im Falle des Maharshi. Das macht überhaupt keinen Unterschied für das Selbst, welches verwirklicht ist. In Wirklichkeit gibt es für ihn weder Körper noch Welt - es gibt nur das Selbst, die ewige Existenz (Sat), die Intelligenz (Cit), die höchste Seligkeit (Ananda). Eine solche Erfahrung ist uns nicht vollkommen fremd. Wir haben sie im Schlaf, wo wir weder der äußerlichen Welt der Dinge noch der inneren Welt der Träume bewußt sind. Aber diese Erfahrung liegt unter der Hülle der Unwissenheit. Und so kommen wir zu den Phantasien der Welt der Träume und des Wachzustandes zurück. Das Nicht-Zurückkehren zur Dualität ist nur möglich, wenn die Unwissenheit beseitigt ist. Das möglich zu machen, ist das Ziel des Vedanta. Auch den niedrigsten von uns Hoffnung zu geben und uns aus dem Sumpf der Verzweiflung zu ziehen - darin liegt die größte Bedeutung von so berühmten Beispielen wie dem Maharshi.